Karfreitagspanik

Karfreitag, so plauderte die Sprecherin im Radio heute Morgen, sei unter anderem ein Tag der Besinnung, der Einkehr, des Nachdenkens, des … Sie nannte noch viele Allgemeinplätze.
Karfreitag ist für mich, irgendwie, schon immer ein seltsam trauriger Tag. Ein Relikt aus der Kindheit. Da nämlich lernte ich, dass man an Karfreitag nicht lachen, kein Fleisch und keinen Kuchen essen, nicht laut singen und tanzen dürfe, nicht …
Karfreitag war ein Tag des Nichtdürfens, des Müssens und Sollens. Der Kirchgang war eine dieser Pflichten, hinter denen ein Muss stand. Ein düsteres Muss, das mich alle Jahre wieder vor Grauen schaudern ließ: Die Messe dauerte extra lang, es gab viel Getöse und Gebete und Weihrauch-Geschwenke und mir wurde schlecht. Es war der nackte Horror für mich mit meiner katholischen Mutter, dem protestantischen Vater, der streng lutheranisch gläubigen Großmutter väterlicherseits und dem atheistischen Großvater mütterlicherseits. Ich war ein ungläubiges Glaubensmischlingskind und das dürfte man im Kleinstädtchen meiner Kindheit nicht auf die leichte Schulter nehmen. Man beäugte mich mit Argwohn. Meine Mutter war in der Kirche nicht gern gesehen, weil sie einen Protestanten geheiratet hatte. Mein Vater machte alles, was mit Religion zu tun hatte, lächerlich. Oma hing an den Lippen ihres lutherischen Pfarrers und Opa wurde beim Thema ‚Kirche‘ ungehalten und es war besser, in seiner Gegenwart zu diesem Thema zu schweigen. Ich hätte auch gerne geschwiegen und noch lieber hätte ich auf all das Kirchen- und Glaubensgedöns verzichtet. Da die Lehrerin meiner katholischen Grundschule jedoch ihre Zeugnisnoten vom regelmäßigen Kirchgang, ganz besonders zu Feiertagen, abhängig machte (wer schwänzte, wurde hochoffiziell im Unterricht an den Pranger gestellt, heute würde man es Mobbing nennen), musste ich alleine zur Messe gehen. Das war besonders schlimm an Karfreitag.
Der war ein grauer Tag in meinem jungen Leben. Und ein beängstigender. Wenn mein Vater später mit einem fast diabolischen Grinsen ein Stück Fleisch oder Wurst aß, um Mama und/oder Oma zu provozieren, verharrte ich starr vor Schreck und Angst begann in mir zu rumoren. Musste Papa nun sterben? Und kam er dann in die Hölle? Fleisch essen zu Karfreitag war eine Sünde, eine Todsünde, so hatte ich es in der Schule gelernt, und ich war fest davon überzeugt, dass sich der Erdboden auftun und meinen sündigen Vater mit sich in die Tiefe des höllischen Feuers reißen würde. Den ganzen Tag, auch Karsamstag noch, raste mein Herz und ich wartete darauf, dass eine Hand vom Himmel her drohend zu uns herab winken würde. Ich schlief schlecht und von meinen Träumen möchte ich lieber nichts erzählen. Erst am Ostersonntag konnte ich aufatmen. Wir waren nochmal davongekommen, das Schicksal hatte es gut mit uns gemeint. Diese Erleichterung, die meine Kinderseele dankbar durchflutete, war für mich etwas wie meine eigene kleine Osterbotschaft.

Heute habe ich übrigens zum ersten Mal an Karfreitag Fleisch gegessen: Pfannkuchen mit buntem Gemüse und Bolognesesoße. Es hat köstlich geschmeckt und da ist auch keine Hand nun, die mir vom Himmel her droht. Es hat lange gedauert, dieses Gesunden meiner karfreitagstraumatisierten Seele. Verdammt lange.