Herbst ist auch schön

Wetterwechsel. Die Oktobersonne hat sich verabschiedet und die milde Luft mitgenommen. Es ist kühl geworden.
Ich stehe oben am Berg und schnaufe. Irgendwie ist der Aufstieg heute schwer gefallen. Die Beine fühlen sich an wie Blei, ich ringe nach Luft und kämpfe gegen Tränen, die sich ganz ohne Grund in meiner Kehle festsetzen. Was ist los?
Ich lehne mich an den Stamm einer verkrüppelten Eiche, die hier über dem Steinbruch ein karges Dasein fristet, blicke in die oktoberbunte Blätterkrone und lausche dem Gesang der Blätter. Deren Stimmen klingen etwas hart, rau. Wenn sie in leichten Windbrisen einander berühren, klackert es leise. Klack, klack! Die Sonne hat sie ausgetrocknet. Sie flüstern nicht mehr im Wind, sie klackern. Klack, klack! Die Blättermelodie des Herbstes, denke ich, und irgendwie gefällt mir dieses ‚Klack, klack!“.
Ich fühle mich besser, ruhiger, und spüre, wie Freude die schlechte Laune vertreibt.
„Herbst ist auch schön“, klackklacken die Blätter und ich denke an Herbsteintöpfe und gebratene Pfifferlinge mit Petersilie, an Honigapfeltee und Apfelkuchen mit Zimt, an Vanillekerzen und Kuschelmusik, an raschelnde Blätterwege und … und fange an, mich zu freuen.
„Stimmt“, rufe ich zu den Blättern hinauf und die erröten und strahlen für einen kurzen Moment in einem gelb-rost-rot-braunen Gewand zu mir herab.
„Bunt!“, lachen sie mir zu. „Bu-hunt!“
„Ja, bunt“, sage ich und lache auch. „Und Dankeschön!“
Und mit einem wundervollen Gefühl der Dankbarkeit – und Freude – mache ich mich auf den Heimweg.

Frühstück im Wald

Es regnet Bindfäden. Trotzdem eise ich mich – und vor allem den inneren Schweinehund – vom Frühstückstisch los, streife die alte, verwaschene Schimanskijacke des Mannes über meine Nachtklamotten und stakse durch die kleine Birkenallee bergaufwärts zu meinem Sommerfrühstücksplatz dort wo die Wiesen enden und der Wald anfängt. Clogs sind übrigens keine gute Idee für einen regennassen Herbstmorgen im Wald. Überhaupt ist es keine gute Idee, Sommertraditionen auch in der ungastlichen Jahreszeit beibehalten zu wollen. Nur mal so gesagt, ich lerne ja noch.
Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor an den Stamm der alten Birke gelehnt, den Kaffeebecher in der Hand (Auch eine Schnapsidee, der Kaffee ist kalt und schmeckt nach Regenwasser), und blicke aufs Dorf hinab.
Wie ausgestorben liegt es da, kein Leben regt sich und wüsste ich es nicht besser, könnte ich es für eine ausgestorbene, aufgelassene Waldsiedlung halten. Doch sie ist voller Leben, sogar mehr als sonst. Die Kinder haben Ferien und das Leben ist schön! Und alle ducken sich vor dem Virus wieder ein bisschen mehr als die Monate zuvor. Er macht das Leben auch hier im Walddorf still, verzagt, ratlos. Zu still.
Doch, halt, von der anderen Seite des Talgrunds her ertönt das röhrende Stöhnen einer Kuh. „Das machen sie nur, wenn sie gebären“, hat mir der Bauer einmal erklärt, und ich stelle mir vor, wie ein niedliches Kälbchen das Licht der Welt erblickt und sogleich von der Mutter entrissen wird, weil das so wirtschaftlicher ist. Ich seufze und vergieße ein paar Tränen. Da ist nichts von Landromantik, wie es uns Heimatfilme und Hochglanzhefte übers Landleben weismachen. Es ist halt nichts mehr so, wie man es sich vorstellen möchte. In diesen Tagen schon gar nicht.
Die Romantik des Regenmorgens ist nun endgültig dahin und ich beeile mich, ins Warme zu kommen, bevor ich mich erkälte. Das muss in diesen Zeiten ja nun wirklich nicht sein. Auf weitere Waldfrühstücksausflüge werde ich wohl besser verzichten … bis zum Frühling (Noch 163 Tage!)

Nachtrag:
Ich rätsele übrigens gerade über eine grammatikalische Frage nach zu dem obigen Satzbeginn:
„Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor …“ Eigentlich wollte ich schreiben: „Und da stehe ich nun wie an vielen Sommermorgen zuvor …“, doch das klingt seltsam. Aber man kann doch nicht „Sommermorgenden“ schreiben!? Darf der Morgen kein Plural haben?
Ja, ich ahne die Antwort. Aber komisch klingt es schon, oder? Oder ist mir mein kleiner Ausflug gerade nicht bekommen?

Die Ur-Sau

Heute ganz früh, der Morgen „blaute“ noch und die Luft malte schlierige Fetzen ins Land, raschelte es zwischen Farnen und Brombeerranken. Und da stand sie, die Ur-Sau! Fluchtbereit – oder doch eher angriffsfreudig? – starrte sie zu mir herauf, verharrte … und stieß einen wehklagenden Laut aus, der nach liebesheulendem Kater klang. Dann, wusch, war sie verschwunden.
Der Morgen „blaute“ noch immer … nur ich, ich war … nicht … blau. Ehrlich!