Die kürzeste Nacht

Einen angemessenen, würdigen Text zur Sonnwendnacht will ich schreiben, doch leider schaffe ich es wieder einmal nicht, meine Fantasie zu zügeln. Während ich beim Schreiben noch über astronomische Jahreszeiten, Äquator, Sonnenhöchststand, Solstitiallinie, Sonnenverehrung, Mittsommerfeste und -gebräuche u.a. nachdenke, sind die tippenden Finger längst ins Märchenland abgedriftet und dort toben sie sich nun weidlich aus. Lassen wir sie austoben. Sie werden halt nie erwachsen.
Tiefer Seufzer.
Nein, ich werde halt nie erwachsen.
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Die kürzeste Nacht
Sie ist da, die kürzeste Nacht im Jahr.
Psst!
Viel ist los in dieser Nacht. Alle feiern ihre Sommerfeste. Nicht nur die Menschen. Auch die Tiere und Pflanzen und – heimlich, verborgen und sehr sehr leise – die Naturgeister.
Das Mittsommerfest zu Sommerbeginn ist ihr wichtigstes Fest im Jahr. Gilt es doch, den Abschluss der ersten Jahreshälfte und das erfolgreiche Naturgeistertreiben in den Winter- und Frühlingsmonaten gebührend zu würdigen. Arbeitsreich sind die vergangenen Monate gewesen. Die Naturgeister, die Elfen, Feen, Zwerge, Kobolde, Wichtel, Sonnenstrählchen, Frostbeulchen, Windbläschen, Schneesternchen, Regenperlchen, Glühwürmchen, Blitzeulchen, Donnermännleins und viele Geisterkollegen mehr (es gibt sehr sehr viele) haben sich dieses Fest redlich verdient. Überall, in Wäldern, Wiesen, Feldern, Parks, Gärten, Flussauen, an Ufern und Stränden, wirklich überall, wird gefeiert. Es ist wie immer ein sehr fröhliches Fest: stimmungsvoll, freundlich, liebevoll, romantisch, fröhlich, ausgelassen, ein bisschen albern auch und wirklich … psst! … sehr sehr leise. So leise, dass kaum ein Mensch es wahrzunehmen vermag.
Eine magische Nacht ist diese Nacht in der Sommermitte.
Lausche! Wie von weit weg hörst du hier und da die Musik der Sommerelfen. Es sind heitere, lebensfrohe Weisen, die sie singen. Lieder, die weit durch die Nacht, die nicht dunkel werden will, klingen.
 Psst!
Allüberall in der Natur herrscht jenes geheimnisvolles festliche Treiben, das nur einmal im Jahr zu erahnen ist. Eben in der Nacht des erwachenden Sommers.
Du meinst, ich hätte das nur erfunden?
 Ha! Schau Dich einmal um! Manchmal kannst du am nächsten Morgen Überreste der Naturgeisterfeste und -parties entdecken. Wie zum Beispiel die schimmernden Funkelperlen oder die Glühwürmchengoldglitzerpunkte, die der Sommer wie Konfetti über die Feiernden und über die Waldwiese gestreut hat und die die Menschen Morgentau nennen, weil sie es nicht anders wissen. Schau mal!

Auf der Waldlichtung

Es wird wärmer. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Und endlich, endlich regt es sich am Boden der kleinen Waldlichtung.
Die Glückskäfer, pardon, Marienkäfer sind erwacht. Überall sehe ich sie aus ihren Winterschlafverstecken hervor kriechen. Manche taumeln fast … vor Müdigkeit oder überwältigt von der lockend milden Luft. Und wieder andere müssen aufgeweckt werden.
Aber nun mal zu! Macht mal! Beeilt euch!
Aufgeregt surrt eine Hummel von Blatt zu Blatt, um auch die letzten Schlafmützen ans Tageslicht zu locken.
Ich höre es genau, ihr aufgeregtes Summen.
Es klingt in etwa so: „Hey, hey, hörst du? Aufwachen, der Frühling ist da. Die Sonne scheint und die Luft ist warm. Los, Faulpelz, steh auf!“
Aber was ist das? Da will sich doch einer dieser faulen Kerle gleich wieder unterm Laub verstecken? Nichts da!!!
„Hey! Aufwachen! Du musst deinen Job tun. Los, los!“
„Was für ein Job?“, brummt der kleine Käfer. „Gibt es denn schon saftige Blattläuse zum Schmausen?“
„Blattläuse? Pah!“ Die Hummel ist empört. „Glück bringen sollst du? Oder warum, glaubst du, nennt man dich Glückskäfer, he?“
„Ach so. Ich bringe Glück.“ Fragend sieht der Käfer die Hummel an. „Wie macht man das? Wie bringt man Glück?“
Die Hummel ist nun ungehalten. „Dein Pech, wenn du das nicht selber weißt.“
„Okay. Dann bin ich eben ein Pechkäfer. Nun aber habe ich Hunger.“
Der kleine Glückskäfer reckt und streckt sich und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Er hebt die Fühler,  als schnuppere er … und dann trottet er los in die Frühlings-Waldwelt hinein. Langsam. Er hat Zeit.
Zum Fliegen steht ihm noch immer nicht der Sinn.  Erst einmal richtig wach werden und Ausschau halten. Von oben vom Brombeerzweig aus.
Achtung, Dornen! Glück gehabt! Nichts passiert. Er ist ja auch ein Glückskäfer!
„Irgendwie sieht er so anders aus, der Wald. Anders eben als im letzten Herbst“, brummt der kleine Käfer und schaut sich ein bisschen ratlos um. „Heller, frischer, grüner …“
So ganz versteht er diese neue Welt noch nicht und noch weniger hat er eine Idee, was es mit dem ‚Glück bringen‘  auf sich hat. Egal.
„Hallo du!“, ruft der Käfer, der sich nun etwas wacher fühlt, der Hummel hinterher. „Was gibt es Neues hier?“
Doch die Hummel ist längst wieder unterwegs. Schläfer aufwecken. Sie hat noch viel zu tun.