Schenkst du mir einen Regenbogen?

„Schenkst du mir einen Regenbogen?“
Mit bettelnden Augen sah mich das Kind an.
„Einen Regenbogen?“, staune ich. „Wie kann man einen Regenbogen verschenken?“
Das Kind zuckt mit den Schultern. „Weiß ich nicht“, meint es und aus seiner Stimme klingt ein bisschen Trotz mit. „Du bist doch alt. Du musst das wissen.“
Ich bin ein bisschen gekränkt. Natürlich bin ich alt, in den Augen des Kindes sogar uralt oder steinzeitalt.
„Weil ich alt bin?“, frage ich gedehnt.
„Das auch. Und weil du alles weißt, wo du doch so viele Bücher gelesen hast! Da kannst du mir auch einen Regenbogen schenken.“
So viel Ehre wird mir zugetan? Irgendwie freue ich mich nun auch. Wollte ich nicht immer als altes weises Weib, dem mit dem Respekt des Bewunderers begegnet wird, enden? Nun, vielleicht hatte ich dieses mir stets als unrealistisch und größenwahnsinnig erschienenes Lebensziel ja doch in gewisser Weise erreicht? Chapeau!
Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, während ich krampfhaft überlege, ob wir heute zufällig ein Regenbogenwetter haben, das es mir in meiner Eigenschaft als Wunderalte, ja, ich meine nicht ‚wunderliche Alte‘, obwohl dies eher zutreffen würde, ermöglichen würde, einen Regenbogen aus meiner nicht vorhandenen Trickkiste zu zaubern. Aber keine Chance. Es wird ein Tag ohne Regenschauer bleiben, was mir normalerweise sehr angenehm ist, wenn ich nicht gerade einen Regenbogen an den Himmel zaubern sollte.
„Es wird nicht gehen“, sage ich schließlich vorsichtig. „Das Wetter hat heute keine Lust, den Himmel mit Regenbögen zu verzieren. Sollen wir, äh … einen Regenbogen malen? Einen schönen, großen, bunten.“
Hoffnungsvoll blicke ich das Kind an, doch es schüttelt den Kopf.
„Das ist langweilig“, mault es.
Herrje! Was kann ich tun, um nicht mehr in seine enttäuscht blickenden Augen blicken zu müssen?
„Ich könnte dir auch eine Regenbogengeschichte erzählen „, sage ich schlapp und wappne mich schon gegen die nächsten Unmutsäußerungen. Aber nein. Das Kind beginnt zu jubeln.
„Au Ja!“, ruft es lauthals. „Das machen wir! Du erzählst mir ganz viele Geschichten. Aber es müssen neue sein. Viele tolle neue Regenbogengeschichten. Nein, besser du schreibst sie auf! “
Ich nicke und irgendwie fühle ich mich überrumpelt. Und ich schweige erstmal.
„Das ist mega!“, ruft das Kind da aus und klatscht in die Hände. „Das muss ich gleich den anderen erzählen. Tschü-hüs!“
Und ehe ich noch etwas sagen kann, rennt es los. In der Ferne höre ich es jubeln und seinen Freunden ein „Es hat geklappt! Sie wird uns neue Regenbogengeschichten fürs Schulfest schreiben. Juchhu!“
Diese Schelme. Ich lache glucksend in mich hinein. Sie sind genau wie ich es einmal als Kind gewesen bin, damals vor hundert oder zweihundert Jahren.